Wir werden immer älter, doch das heißt nicht automatisch, dass wir länger gesund bleiben. Laut dem deutschen Alternsforscher Björn Schumacher verbringen Menschen im Durchschnitt die letzten zehn Jahre vor ihrem Tod in Krankheit. Genau diese Lücke zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne macht Longevity zum Megatrend. Immer mehr Menschen wollen nicht nur alt werden, sondern lange fit, leistungsfähig und selbstbestimmt bleiben.

Quelle: eigene Darstellung auf Basis der Daten des UN Department of Economic and Social Affairs (UN DESA), Population Division. Stand: Juli 2024.
Worum geht’s dabei? Nicht um „ewig leben“, sondern um mehr gesunde Jahre. Longevity zielt darauf ab, die Gesundheitsspanne („Healthspan“) zu verlängern, konkret die Zeit, in der Körper und Geist stabil bleiben. Das gibt vielen Rückenwind, denn aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Gene nur rund 50 Prozent der Langlebigkeit erklären. Den Rest können wir prinzipiell beeinflussen, mit Verhalten, Prävention und (immer öfter) Technologie.

Dass Longevity längst mehr ist als ein Nischentrend, zeigt der Markt. Laut der Beratung Imarc ist menschliche Leistungssteigerung bereits heute eine 140-Milliarden-US-Dollar-Branche mit Wachstumsraten von über zehn Prozent. Im Jahr 2025 flossen weltweit rund 1,2 Milliarden US-Dollar Wagniskapital in Longevity-Themen.
Viele Krankheiten, die im Alter häufiger werden, hängen eng mit dem Stoffwechsel zusammen, also mit Gewicht, Blutzucker und stillen Entzündungen im Körper. Genau deshalb entsteht rund um Prävention gerade ein großer Markt. Eine zentrale Rolle spielen dabei GLP‑1-Medikamente, die ursprünglich für Diabetes entwickelt wurden und heute vor allem durch ihre Wirkung auf Gewicht und Stoffwechsel bekannt sind. Unternehmen wie Novo Nordisk und Eli Lilly treiben diesen Bereich voran und prüfen, ob diese Medikamente langfristig auch helfen könnten, Risiken für typische Alterskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme zu senken.

Die Umsatzentwicklung zeigt die wirtschaftliche Relevanz des Trends. 2025 erzielte Novo Nordisk mit GLP‑1-Produkten rund 234,5 Mrd. DKK (≈ 35,6 Mrd. US-Dollar) und Eli Lilly rund 36,5 Mrd. US-Dollar.
Aber Longevity wird nicht nur in der Apotheke entschieden. Ein großer Teil spielt sich dort ab, wo wir täglich Daten sammeln, meist ohne es groß zu merken.
Longevity ist längst ein Datenthema. Ob als Uhr, Armband oder Ring: Wearables und Sensoren machen sichtbar, was früher nur Bauchgefühl war, Schlafqualität, Stress, Aktivität und zunehmend auch Stoffwechselwerte.

Smartwatches haben sich vom Fitness-Gadget zum Gesundheitshelfer entwickelt. Apple hat mit der Apple Watch Gesundheits-Tracking massentauglich gemacht, von Herzfrequenz und Schlaf bis hin zu Funktionen wie EKG je nach Modell. Über die Health-App und HealthKit entsteht ein Ökosystem, in dem Daten gebündelt und von Drittanbieter-Apps genutzt werden können. Alphabet verfolgt einen ähnlichen Ansatz über Fitbit und die Pixel Watch, setzt aber langfristig auf Calico Life Sciences, eine Tochtergesellschaft, die an den biologischen Grundlagen des Alterns forscht und dabei stark von Alphabets Daten- und KI-Kompetenz profitiert.
Und dann gibt es noch die „metabolische“ Variante des Trackings: Dexcom. Mit Continuous Glucose Monitoring (CGM) wird der Blutzucker in Echtzeit sichtbar und damit auch, wie Ernährung, Stress, Schlaf oder Sport den Stoffwechsel beeinflussen. Wer erkennt, welche Mahlzeiten Glukosespitzen auslösen, kann gezielter gegensteuern. Perspektivisch sollen neue Gerätegenerationen noch alltagstauglicher werden, kleiner, präziser und mit Blick auf zusätzliche Messwerte.
Doch Daten allein verändern noch nichts. Die spannende Frage lautet, wer aus Messwerten konkrete Programme macht und sie so bequem anbietet, dass Menschen wirklich dranbleiben.
Ob Longevity ein Trend für wenige bleibt oder zum Massenmarkt wird, entscheidet nicht nur die Therapie. Es geht auch um Zugang, Convenience und Preis. Genau hier setzt Hims & Hers an.
Das Unternehmen positioniert sich als Abo-Anbieter, der Präventivmedizin und Langlebigkeit für die breite Masse verfügbar machen will. Über eine Telemedizin- Plattform verbindet Hims & Hers Diagnostik, digitale Beratung und die Lieferung von Behandlungen, ein skalierbares Modell mit wiederkehrenden Umsätzen. Besonders relevant: proaktive „Labs“ mit Bluttests und Biomarkern, die aus Daten konkrete Handlungspläne machen sollen. Dazu kommt ein breites Angebot von Gewichtsmanagement über personalisierte Hautpflege bis Hormongesundheit.


Longevity ist längst auch ein Konsumtrend. „Anti-Ageing“ klingt nach gestern, heute geht es häufiger um präventive Hautgesundheit und „Healthy Ageing“.
L’Oréal treibt diesen Wandel mit einem Mix aus Forschung und Technologie. Der Konzern untersucht Hautalterung auf zellulärer und molekularer Ebene und setzt stärker auf Prävention statt reine Faltenkorrektur. Diagnostik- und Tech-Ansätze sollen helfen, Alterungsprozesse individueller zu analysieren und Produkte personalisierter zu positionieren. Dass sich dieser Fokus auch wirtschaftlich auszahlt, zeigt der Blick auf das erwartete globale Marktvolumen für Beauty‑Geräte. Es wächst in den kommenden Jahren deutlich und dürfte bis 2035 auf rund 380 Mrd. USD steigen. So wird Longevity im Alltag greifbar und als „Healthy Ageing“ kaufbar.
Quelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von Precedence Research. Stand: Dezember 2025.
Bei aller Aufbruchsstimmung lohnt sich ein kritischer Blick. Viele Substanzen aus der Longevity-Szene sind am Menschen noch nicht ausreichend erforscht. Die Frage lautet daher, wie viel wissenschaftlich belegt ist, wie viel Hoffnung dahintersteckt und wie viel vor allem gutes Storytelling ist. Selbst bei etablierten Innovationen wie GLP1 gilt, dass Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden, Durchfall oder Schwindel möglich sind. Zudem fehlen bislang Langzeitdaten über Jahrzehnte. Dazu kommt die gesellschaftliche Dimension: Zugang, Preise und Regulierung entscheiden mit. Regulierungsanpassungen können Entwicklung beschleunigen, aber Risiken ebenfalls.

Longevity ist weniger der Traum vom ewigen Leben als das Ziel, möglichst lange gesund, fit und selbstbestimmt zu bleiben. Vieles spricht dafür, dass der Trend bleibt, getrieben durch demografischen Wandel, datenbasierte Gesundheitsmodelle, neue Präventionsansätze und wachsende Zahlungsbereitschaft.
Gleichzeitig entscheidet nicht nur Technologie über die Gesundheitsspanne, sondern Verhalten. Eine BCG-Studie hat aufgezeigt, dass obwohl sich fast alle ein gesundes Leben im Alter wünschen, geben selbst bei den über 56-Jährigen mit Vorerkrankungen nur rund 40 Prozent an, aktiv etwas dafür zu tun. Longevity ist damit am Ende nicht nur eine Frage der Innovation, sondern auch eine Frage der Konsequenz. Aus Anlegersicht entscheidet sich der Erfolg daran, wer Longevity vom Hype zur Routine macht, also Prävention, Monitoring und Versorgung so einfach und bezahlbar gestaltet, dass Menschen wirklich dranbleiben.
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